Kennen Sie das Problem? Sie bitten Ihre Studierenden, als Vorbereitung für die nächste Sitzung einen Text zu lesen, der als Diskussionsgrundlage dienen soll. Letztlich ist jedoch nur ein geringer Prozentsatz der Teilnehmenden in der Lage, sich tatsächlich an der Plenumsdiskussion zu engagieren – viele melden sich überhaupt nicht zu Wort oder können keinen gehaltvollen Beitrag leisten.

Dass es sich hierbei nicht nur um ein Klischee des unvorbereiteten Studierenden handelt, kann der Autor aus eigener Erfahrung bestätigen, der englische Literatur und Philosophie studiert und in jedem Seminar diese Beobachtung gemacht hat. Was Dozierende für gewöhnlich als augenscheinliches Desinteresse am Fach werten, ist für John Bean, emeritierter Literaturprofessor an der Universität Seattle Symptom einer mangelnden Lesekultur, die er als „deep reading“ bezeichnet (vgl. Bean 2011, S. 162). Hier geht es nicht um ein Überfliegen und das Herausziehen von Informationen, sondern um tiefgehende Auseinandersetzungen mit Texten – die Art des Lesens also, die in Bezug auf Primärliteratur und wissenschaftliche Beiträge notwendig wäre, um an einer Diskussion aktiv teilnehmen zu können. Warum aber scheinen viele Studierende gerade daran zu scheitern?

Bean listet in Engaging Ideas eine Reihe von Ursachen auf, die dazu beitragen, dass Studierende bei ihren Leseaufgaben an der Oberfläche stecken bleiben. Am schwersten mag dabei das Gefühl von Inkompetenz der Studierenden liegen, wenn sie mit einem anspruchsvollen Text konfrontiert werden, den sie nicht auf Anhieb verstehen. Ganz anders ist da natürlich die Lesehaltung von Dozierenden selbst: „They hold confusing passages in mental suspension, having faith that later parts of the text may clarify earlier parts. […] They read a difficult text a second and a third time, considering first readings as approximations or first drafts.” (ebd., S. 163) Doch nicht nur das. Oft fehlt Studierenden ein grundlegendes Verständnis von dem Aufbau von Texten, wie Bean pointiert feststellt: “Their often indiscriminate, almost random use of the yellow highlighter suggests that they are not representing the text in their minds as a hierarchical structure.” (Ebd., S. 164f.) Zuletzt wäre noch das fehlende kulturelle Hintergrundwissen zum Autor, seiner Zeit und die Einordnung in den größeren wissenschaftlichen Diskurs, in den er mit seiner Veröffentlichung getreten ist, zu nennen. So fällt es Studierenden schwer, die Inhalte in ein Big Picture einordnen und bewerten zu können.

Geliefert wird von Bean jedoch nicht nur eine Problemanalyse, sondern – und das macht den Wert seiner Veröffentlichung aus – vielversprechende Lösungsansätze, die im Folgenden knapp umrissen werden sollen:

  • „Deep reading“, wie Bean es nennt, erfordert sehr viel mehr Arbeit mit und am Text und damit sehr viel mehr Zeit für das Lesen, als die Studierenden in der Regel aufbringen (können). Er empfiehlt daher, tendenziell weniger Leseaufgaben zu vergeben, die dafür die tiefgehende Erschließung und Auseinandersetzung des Textes erfordern.
  • Damit sich (ungeübte) Studierende jedoch auf schwierige Texte im erforderten Maß einlassen (können), ist Bean zufolge wichtig, ihnen zu erklären, warum sie nicht einfach zu lesen sind – in der Regel deshalb, weil die Autoren Studierende nicht primär als Zielgruppe im Sinn hatten. In den Worten Beans: „Of course, you are going to struggle with this reading. You aren’t its intended audience. I’m going to be happy if you understand 50 percent of it. There are passages in it that I don’t fully understand myself.” (Ebd., S. 168f.)
  • Ein anderer Vorschlag ist der kognitiven Meisterlehre entlehnt. Mit dieser Methode wird versucht, die Prinzipien Handwerksausbildung auf die Hochschullehre zu übertragen: Die Dozierenden erklären demnach, wie sie selbst an schwer verständliche Texte herangehen, wann und welche Stellen sie markieren und was sie exzerpieren. Studierende können dann versuchen, die Lesestrategien zunächst zu übernehmen und im Studienverlauf ggf. zu modifizieren.
  • Für den Autor des Beitrags wesentlich – gerade für Studienanfänger – ist jedoch Beans Vorschlag, zu einer schwierigen Leseaufgabe reading guides zur Verfügung zu stellen. Sie geben Studierenden die nötigen Hintergrundinformationen, um Autor und Inhalt in einem größeren Kontext einordnen zu können; sie stellen Leitfragen zur Texterschließung und erklären auftauchende, aber noch unbekannte Konzepte.

Für Bean ist das wissenschaftliche Lesen eine Fertigkeit, die wie das Kritische Denken – dessen Förderung das zentrale Ziel seiner Veröffentlichung ist – erst von Studierenden erlernt werden muss. Sie ohne Anleitung vorauszusetzen führt zu Überforderung, Frust auf beiden Seiten des Veranstaltungsraums, und letzten Endes überwiegend passive Teilnehmende.

 

Aus: Bean, John C. 2011. Engaging Ideas. The Professor’s Guide to Integrating Writing, Critical Thinking, and Active Learning in the Classroom. San Francisco: Jossey-Bass.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s