Welche Gruppenaufgaben fallen Ihnen ein, die Ihnen während Ihres Studiums begegnet sind? Sicher gehören Gruppenreferate zu den häufigsten Erlebnissen. Wenn Sie sich über diese Aufgaben (wie der Autor) immer ärgerten, werden Sie Michael Kerres uneingeschränkt zustimmen, wenn er schreibt, dass „seitens der Lernenden nicht von einer natürlichen Motivation zu Kooperation mit Anderen ausgegangen werden [kann]. Kooperation wird vielfach als aufwändig und wenig hilfreich erlebt. (Kerres 2013, S. 397) Eine negative Einstellung gegenüber kooperativen Lernens muss dabei nicht zwangsläufig symptomatisch für Misanthropie sein. Vielmehr sind es in der Regel negative Vorerfahrungen aus Schule und Studium in Form von sogenannten additiven Gruppenarbeiten, die die Eigenleistung (bei mitunter größeren Aufwand) eher schmälern. Als additiv werden Aufgabentypen bezeichnet, deren Ergebnis die Summe der Einzelbemühungen der Mitglieder ist. Dies ist sehr oft bei Gruppenreferaten der Fall, wenn die Präsentation in mehrere kleinere, fast schon isolierte Vorträge zerfällt. Im schlimmsten Fall sind sie sogar das Ergebnis einer disjunktiven Kooperation: dann hat ein einzelnes Mitglied die Arbeit für Alle gemacht. Solche Aufgabentypen, bei denen der Beitrag des Einzelnen in der Gruppe klar erkennbar ist, sind auch aus sozialpsychologischer Sicht ungeeignet, denn „[w]enn Menschen von anderen Menschen umgeben sind, schneiden sie bei einfachen und gut eingeübten Aufgaben besser ab, erbringen aber schlechtere Leistungen bei komplexen Aufgaben oder solchen, die das Erlenen von etwas Neuem erfordern.“ (Aronson/Wilson/Akert 2014, S.320)

Verständlich wird die Aussage unter Zuhilfenahme zweier psychologischer Phänomene: Soziale Erleichterung und Soziales Faulenzen. Die Anwesenheit anderer Gruppenmitglieder bewirkt bei additiven Aufgaben eine körperliche Erregung, die sich zwar positiv bei automatisierten Tätigkeiten auswirkt (etwa beim Marathonlauf mit jubelnden Zuschauern), aber für ein schlechteres Ergebnis bei nicht beherrschten Aufgaben sorgt (= Soziale Erleichterung). Die Autoren bringen das treffende Beispiel des Vorrechnens an der Tafel an. Können sich die Mitglieder jedoch hinter dem Gruppenergebnis verstecken, ist im Gegenteil eine Leistungssteigerung bei schwierigen Aufgaben zu verzeichnen; der Leistungsabfall erfolgt stattdessen bei simpleren Tätigkeiten wie Tauziehen (= Soziales Faulenzen).

Wann ist nun aber kooperatives Lernen erfolgsversprechend und wirklich lohnend für Studierende? Für Kerres können konjunktive Gruppenaufgaben positive Lerneffekte herovrbringen. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass die Gruppe nur dann ein Ergebnis vorweisen kann, wenn alle Mitglieder zusammenarbeiten. Im Alltag lassen sich viele konjunktive Tätigkeiten ausmachen: das Musizieren im Chor oder in einer Band, Mannschaftssport oder eine Theateraufführung. Auch die anfallenden Arbeiten in einem Betrieb können nicht von einer einzelnen Person gestemmt werden – ganz im Gegensatz zu einem Referat. Good-Practice-Beispiele in der Lehre sind hingegen weitaus schwerer auszumachen. Kerres nennt jedoch klare Kriterien für konjunktives Lernen:

  • Das Ergebnis der Aufgabe kann nicht lediglich in einer Wissensaneignung bestehen
  • Die Aufgabenstellung muss eine Vielzahl an Herangehensweisen ermöglichen
  • Es muss für die Lernenden einen Mehrwert durch die Gruppe gegenüber der Einzelarbeit geben
  • Dieser besteht in der Regel darin, dass das vom Dozierenden erwartete Ergebnis nicht alleine erreicht werden kann
  • Der Aufgabentyp darf daher nicht additiver Natur sein
  • Jedoch muss es die Möglichkeit zur Arbeitsteilung geben (vgl. Kerres 2013, S. 399)
  • Zudem sollte eine hinreichende Komplexität der Aufgabenstellung gewährleistet sein, um den Erkenntnissen aus der Sozialpsychologie Rechnung zu tragen

Das Finden einer konjunktiven Aufgabenstellen allein ist dabei kein Garant für ein erfolgreiches Arbeiten in der Gruppe. Damit ein koordiniertes Teamwork stattfinden kann, muss den Mitgliedern die nötige Zeit zugestanden werden, ihre Rollen und die damit verbundenen Arbeitsbereiche zu finden – und zu behaupten (vgl. Aronson/Wilson/Akert 2014, S.325f.; van Dick/West 2013, S. 31). Klare Verteilungen helfen dabei, unproduktive Arbeitsverläufe wie nach dem Punctuated-Equilibrium-Modell zu vermeiden (vgl. van Dick/West 2013, S. 28).

Generell ist für Kerres ausschlaggebend, dass die Entscheidung für oder gegen eine Lehr-Lern-Methode – egal ob Exposition, Exploration, Problembasiertes Lernen oder Kooperatives Lernen – stets aufgrund des zu erwartenden Mehrwertes für die Lernenden gefällt wird. Dementsprechend fasst er seine Ausführungen über das kooperative Lernen mit folgenden Worten zusammen:

„Die Qualität der Lernaufgabe entscheidet letztlich, ob ein gruppenbasiertes Lernszenario – so es sich grundsätzlich für eine Gruppenarbeit eignet – die erwünschten Erfolge möglich macht. Das wesentliche Kriterium für die Bewertung entsprechender Lernaufgaben bleibt nämlich, ob die Teilnehmenden die gemeinsame Bearbeitung tatsächlich als zusätzlichen Wert erfahren: Nehmen sie wahr, dass es sich für ihren eigenen Lernfortschritt gelohnt hat, an der Gruppenarbeit teilzunehmen?“ (Kerres 2013, S. 399)

Aus:
Aronson, Elliot; Wilson, Timothy; Akert, Robin. 2014. Sozialpsychologie. Hallbermoos: Pearson.
Kerres, Michael. 2013. Mediendidaktik. Konzeption und Entwicklung mediengestützter Lernangebote. München: Oldenbourg.
Van Dick, Rolf; West, Michael A. 2013. Teamwork, Teamdiagnose, Teamentwicklung.Göttingen et al.: Hogrefe.

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