Im letzten Blogeintrag haben Sie erfahren, dass eine notwendige Voraussetzung für funktionierende Kursforen das Schaffen von sozialer Präsenz der Studierenden – und von Ihnen selbst – ist. Denn auch im Internet wünschen sich Studierende „the feeling that the communication is real and that … [one is] talking with a real person…” (Stodel et al. 2006, S. 13). Soziale Präsenz muss jedoch noch keine fachlichen Diskussionen auslösen. Kommen sie ins Rollen, ist die Wahrscheinlichkeit von Frust unter den Studierenden noch immer hoch. Thomas (2002) bemerkte in seinem Kursforum „[a] significant decrease in the number of times a message was read in relation to its position in the thread” (Thomas 2002, S. 360). Je größer also die Beteiligung in einem Thread ist, desto unwahrscheinlicher ist es, dass jüngere Beiträge gelesen werden. Auf sie wird im Diskussionsverlauf daher kaum mehr eingegangen; laut Thomas blieben über 50% der Beiträge unbeantwortet (vgl. ebd., S.361). Das Problem sieht er im Medium selbst, das nicht für Kommunikation ausgelegt ist. Foren seien im Grunde Datenbanken, auf denen Informationen abgespeichert werden und von Nutzern individuell abgerufen werden können. Da man im Forum nur auf Nachrichten von Personen trifft, nicht aber auf die Personen selbst, sei auch keine Interaktion möglich (vgl. ebd., S. 362). Dieser (medien-)theoretischen Begründung folgt ein anschaulicher Nachteil, der sich aus dem Aufbau eines Threads ergibt: Er ist eindimensional. Thematische Abzweigungen können schlicht nicht abgebildet werden und verlieren sich im Aufbau des Forums, der Einträge in strenger chronologischer Reihenfolge anzeigt.

Um diesem Nachteil zu begegnen, sind Moderatoren zwingend notwendig. Sie fassen Meinungen zusammen, synthetisieren Kommentare, achten auf die Thementreue der Einträge – und bringen eine stockende Diskussion durch provokative Beiträge wieder ins Rollen. Tatsächlich kommen auch lebendige Hobbyforen nicht ohne Moderatoren aus, die meist ehrenamtlich einen nicht unerheblichen Teil ihrer Freizeit der Community opfern. Gerade zu Beginn eines (online) Kurses, wenn die soziale Präsenz der Studierenden erst noch aufgebaut werden muss, fällt die Aufgabe des Moderierens in der Regel den Dozierenden zu, da sich Studierende durch generische Kommentare (als Symptom für geringe soziale Präsenz) nicht zu Diskussionen hinreißen lassen (vgl. Stodel et al. 2006, S. 13). Auch Anderson hebt die Verantwortung des Dozierenden für ein lebendiges Forum hervor, wenn er schreibt, „[that, [i]n summary, giving directions for and modeling effective online discourse is a critical component of creating effective teaching presence.“ (Anderson 2004, S. 286) Zu einem späteren Zeitpunkt kann die Moderation auch an Studierende übergeben werden. Hara, Bonk und Angeli (2000) empfehlen die „Starter-Wrapper“-Methode, nach der sich zwei Studierende die Aufgaben des Eröffnens und Zusammenfassens eines Threads teilen. Jedoch sollte nicht davon ausgegangen werden, dass Studierende ohne Einweisung und Betreuung die Funktion als Moderator erfolgreich übernehmen können.

Doch selbst ein Moderator ist noch kein Garant für ein lebendiges Forum. Studierende schätzen am eLearning v. a. die Möglichkeit, orts- und zeitunabhängig an qualitätsgesicherte Inhalte zu gelangen, die sie aktuell benötigen (vgl. Stodel et al. 2006, S. 13). Zeitintensives Schreiben von Kommentaren ist dagegen eher unbeliebt. Möchten Dozierende, dass das angebotene Forum auch genutzt wird, ist daher mitunter extrinsische Motivation notwendig – etwa wenn das Verfassen von Foreneinträgen Teil der Prüfungsleistung ist. Entscheidend ist dabei, dass die Bewertungskriterien klar formuliert sind. Anderson (2004) erörtert beispielhafte Aufgabenstellungen, die sowohl die qualitativen wie quantitativen Anforderungen an die Studierenden konkret benennen (vgl. Anderson 2004, 282ff.).

Es kristallisiert sich heraus, dass Foren im eLearning mit einiger Arbeit verbunden sind. Sie ohne Betreuung und Steuerung anzubieten ist sinnlos und führt im Gegenteil zu Frustration unter den wenigen Studierenden, die zaghafte Versuche der Benutzung unternehmen. Nur wenn Sie als Dozierende aktiv didaktische Ziele mit einem Forum verfolgen (etwa das Einüben von wissenschaftlicher Diskussionsführung), ist die Bereitstellung einer solchen Pattform eine Überlegung wert.

 

Aus: Anderson, T. 2004. “Teaching in an Online Learning Context”, in: Anderson, T.; Elloumi, F. (Hrsg.), Theory and Practice of Online Learning, Athabasca, AB.: Athabasca University, S. 273-294.
Hara, N.; Bonk, C.J.; Angeli, C. 2000. „Content Analyses of Online Discussion in an Applied Educational Psychology Course“, in: Instructional Science 28 (2), S. 115-152.
Stodel, E.J.; Thompson, T.L.; MacDonald, C.J. 2006. “Learners‘ Perspectives on What’s Missing from Online Learning: Interpretations through the Community of Inquiry Framework”, in: International Review of Research in Open and Distance Learning 7(3), S. 1-24, http://files.eric.ed.gov/fulltext/EJ806043.pdf.
Thomas, M.J.W. 2002. “Learning within Incoherent Structures: The Space of Online Discussion Forums”, in Journal of Computer Assisted Learning 18, S. 351-366.

 

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