Vielleicht waren (oder sind) Sie ein Mitglied in einem Hobbyforum. Je nach Thema gibt es dort mitunter hitzige Diskussionen in Threads, die durch eine rege Beteiligung schnell an Übersichtlichkeit verlieren. Die Aktivität in diesen Foren mag den Anschein erwecken, dass sich solche Plattformen ohne viel Zutun allein durch das Interesse der Hobbyisten am Themenbereich beleben. Foren gibt es auch im Bereich des formellen Lernens: Lernmanagement-Systeme wie WueCampus2 ermöglichen es Dozierenden, mit ein paar Klicks ein Forum innerhalb eines Kurses zu öffnen. Besonders im eLearning sind Foren Teil des Lernangebots. Meistens jedoch bleibt hier die Beteiligung aus – sogar in Fernstudiengängen (wie der Autor selbst feststellen muss). Warum ist die Aktivität in Kursforen derart gering? Gibt es im formellen Lernen etwa keinen Bedarf, sich online über Inhalte auszutauschen?

Tatsächlich ist das Beleben eines Forums nicht ganz einfach. Ungesteuerte und nicht betreute Foren kranken an einer Vielzahl von Problemen, die letztlich dafür Sorge tragen, dass kaum Kommentare verfasst werden. Stodel et al. (2006) und Thomas (2002) fragten Studierende, wie sie mit lehrveranstaltungsbegleitenden Foren zurechtkamen – mit desaströsem Ergebnis. Ein paar der fast durchweg negativen Erfahrungen sollen zur Anschaulichkeit hier erwähnt werden:

  • „…[A]t the time I don’t have time to type it out and when I come back to it I’ve kind of lost my groove and just don’t post.“ (Stodel et al., 2006, S. 7)
  •  „…[I]t’s kind of a helpless feeling; you’re yelling at your computer, ‘It’s not what I’m saying, it’s not what I wanted you to respond to.’ But I have waited three days or a week [for an answer] … I want to learn more efficiently.“ (Ebd.)
  • „I do think that [the interactions] were bordering on the ridiculous sometimes in terms of praise. I mean you don’t praise people that much in a face-to-face-situation, so why would you merely because you’re online? The constant ‘Good work’, ‘Good thought’. What really distracted from the so-called reality of the interactions of the interactions was this virtual sense of touchy-feely camaraderie. Few people participated in head shaking, in disagreement, which makes a discussion flow.“ (Ebd., S. 8)
  •  „A lot of time I was very skeptical to jump in at first because I felt maybe I’m wrong.“ (Ebd., S. 10)

Neben diesen Ärgernissen wurde besonders die Inkohärenz der Diskussionen kritisiert. Beiträge waren in der Regel Monologe, die keinen Bezug zu früheren Kommentaren aufwiesen. Noch dazu ließen diese Nicht-Antworten lange auf sich warten – teilweise mehrere Wochen (vgl. Thomas 2002, S. 361). Thomas resümiert entsprechend:  „…[An] online discussion forum does not promote the interactive dialogue of conversation, but rather leads students towards poorly interrelated monologues.“ (Ebd.)
Die Ursache dieser Phänomene sehen Stodel et al. in einer mangelnden sozialen Präsenz von Foren. Von ihr hängt ab, ob und inwieweit sich die Mitglieder eines Forums als eine Person wahrnehmen und sich als Teil einer Gemeinschaft aus Personen betrachten. Mangelnde soziale Präsenz kann zum Einen zum sogenannten „Trolling“ führen, wenn Internetnutzer kein Bewusstsein dafür haben, dass am Ende des anderen Bildschirms ebenfalls eine Person sitzt. Es kann aber auch das Gegenteil bewirken, wie Anderson (2004) anmerkt: „…[The a]bsence of social presence leads to an inability to express disagreements, share viewpoints, explore differences, and accept support and confirmation from peers and teacher.“ (Anderson 2004, S. 274; siehe auch unseren Beitrag zu „Webinaren“ auf der ProfiLehre-Homepage) Die Folge: Tiefgehende wissenschaftliche Diskussionen bleiben aus.

Was ist daraus nun zu schließen? Sollte angesichts der Unzufriedenheit der Studierenden mit und des Frusts über mangelnde Beteiligung in Foren lieber auf sie verzichtet werden? Zumindest ist es mit der Bereitstellung eines Forums allein nicht getan. Bevor überhaupt Diskussionen aufkommen können, müssen sich die Studierenden im Forum als Personen wahrnehmen können. Profilfotos und Steckbriefe der Mitglieder sind dabei nur der Anfang. Die Beiträge selbst müssen eine persönliche Note aufweisen und damit eher informeller Natur sein (vgl. Stodel et al., 2004, S. 13). Dies zu fördern ist die Aufgabe des Dozierenden, was gerade in den konventionsreichen Wissenschaftssprachen nicht einfach ist. Das zusätzliche Durchführen von Webinaren ermöglicht den Studierenden ein spontaneres – und damit authentischeres – Kommunizieren, und multimediale Beiträge in Form von Podcasts oder Videos lassen Studierende (und Dozierende) als Personen im Internet hör- und sichtbar werden.

Der Aufbau der sozialen Präsenz ist alleine jedoch nicht hinreichend für ein lebendiges Diskussionsforum. Im nächsten Blogeintrag erfahren Sie, wie Sie Ihr Forum aktiv beleben können.

 

Aus: Anderson, T. 2004. “Teaching in an Online Learning Context”, in: Anderson, T.; Elloumi, F. (Hrsg.), Theory and Practice of Online Learning, Athabasca, AB.: Athabasca University, S. 273-294.
Stodel, E.J.; Thompson, T.L.; MacDonald, C.J. 2006. “Learners‘ Perspectives on What’s Missing from Online Learning: Interpretations through the Community of Inquiry Framework”, in: International Review of Research in Open and Distance Learning (7/3), S. 1-24, http://files.eric.ed.gov/fulltext/EJ806043.pdf.
Thomas, M.J.W. 2002. “Learning within Incoherent Structures: The Space of Online Discussion Forums”, in Journal of Computer Assisted Learning 18, S. 351-366.

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