Nach Mike Rose ist eine Schreibblockade zunächst nichts anderes als eine ineffektive Reaktion auf eine gewöhnliche und – das ist wichtig – machbare Herausforderung, vor der jeder Schreibende früher oder später steht (vgl. Rose 2014, 193ff.). Das vorläufige Scheitern an einem Projekt aufgrund mangelnder Fähigkeiten ist also per se keine Schreibblockade. Warum aber haben nicht alle mit ihr zu kämpfen?

Die Gründe für einen ins Stocken geratenen Schreibprozess sind zu vielseitig, um sie hier alle zu berücksichtigen. Häufig lassen sie sich jedoch auf zwei Ursachen zurückführen:

  1. Das Anwenden von Schreibregeln und -annahmen, die für die momentane Aufgabe jedoch ungeeignet (oder generell falsch) sind. Darunter fallen u.a.:
    • Mehr (Recherchieren, Lesen, Exzerpieren) ist mehr
    • Der Leser ist allwissend
    • Niemand will lesen, was ich schreibe
    • Was ich schreibe, muss sofort perfekt sein
  2. Die Forschungsfrage ist nicht fokussiert. Damit einher geht eine Reihe weiterer Probleme. Unter anderem gestaltet sich dadurch die Recherchearbeit schwierig und ineffizient, da der Studierende nicht weiß, welche Informationen er tatsächlich benötigt. In Bezug auf das Konzept können dann unstimmige Kapitel in der Gliederung auftauchen; sie rufen Schreibblockaden hervor, sobald es um deren Einbindung geht.

Patentlösungen für die Behebung dieser Probleme gibt es nicht, dafür spielen zu viele nicht vorhersehbare Faktoren hinein. Folgende „Experimente“ – anders als Methoden scheitern sie auch mal – können jedoch lohnenswert sein:

  1. Die vorhandenen Schreibannahmen durch zielführendere ersetzen. Für die oben Angeführten wären folgende Ansatzpunkte möglich:
    • Der Fokus im Schreibprozess muss darauf liegen, in einem angemessenen Zeitrahmen die Arbeit abzuschließen. Dies ist besonders entscheidend bei Abschlussarbeiten: Je mehr Zeit zur Verfügung steht und je größer der Anspruch an die eigene Arbeit ist, desto wahrscheinlicher ist das Aufkommen einer Schreibblockade. Wie schnell ein Schreibprozess beendet sein kann, sieht man hingegen bei umgekehrtem Vorzeichen: Die E-Mail an einen Freund ist binnen Minuten geschrieben.
    • Die Annahme eines allwissenden Lesers führt zu einem Verstoß der griceschen Gesprächsmaxime der Quantität: Jeder Versuch, für ihn zu schreiben und mit ihm erfolgreich zu kommunizieren ist damit vergeblich. Zielführender ist das Schreiben für einen interessierten aber unwissenden Leser der Diskursgemeinschaft.
    • Zeigen Sie verschiedene Schreibstrategien auf (mehr dazu im nächsten Blog-Eintrag), mit denen erfolgreiche Autoren ihre Projekte angehen. Sie tragen dazu bei, das Schreiben als einen Prozess mit mehrfacher Überarbeitung zu verstehen.
  2. Herausarbeiten einer klareren Forschungsfrage. Auch kann durch gezieltes Fragen nach dem Schreibprozess auf mögliche Konzeptänderungen des Studierenden aufmerksam gemacht werden, die letztlich zur Schreibblockade führten.

(Aus: Rose, Mike. 2014. „Schreibblockaden. Eine kognitive Perspektive“, in: Dreyfürst, Stephanie; Sennewald, Nadja [Hrsg.], Schreiben. Grundlagentexte zur Theorie, Didaktik und Beratung, Opladen/Toronto: Barbara Budrich, S. 193-211; Hjortshoj, Keith. 2014. „Schreibblockaden verstehen“, in: Dreyfürst, Stephanie; Sennewald, Nadja [Hrsg.], Schreiben. Grundlagentexte zur Theorie, Didaktik und Beratung, Opladen/Toronto: Barbara Budrich, S. 213-233; Keseling, Gisbert. 2014. „Schreibblockaden überwinden“, in: Dreyfürst, Stephanie; Sennewald, Nadja [Hrsg.], Schreiben. Grundlagentexte zur Theorie, Didaktik und Beratung, Opladen/Toronto: Barbara Budrich, S. 235-253.)

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